So wie viele Städte ihre Originale hatten, Berlin z.B. den Eckensteher Nante, so konnte auch Liebstadt mit solchen Personen aufwarten.

Da war der Altstoffhändler Losch, in Liebstadt bekannt als

Kodder-Losch.

Er wohnte in einem Haus in der Mauerstraße I, wir nannten diese Straße hinter den Häusern, weil sie parallel zu den Häusern der Lindenstraße verlief. Das Haus, das den Krieg überstanden hat und noch heute unversehrt steht, gehörte Haase. In dem Hause wohnte noch die Familie Gerlach. Gerlach war Kommunist und zu ihm ging meine Mutter von Zeit zu Zeit um Feindsender zu hören. Gerlach wurde verhaftet und kam nach Dachau. Seine Tochter Waltraud, sie ging in meine Klasse in der Volksschule, wurde seit dem gemieden, wie die Pest.

Aber zurück zu Losch. Sein Sohn war einer meiner Spielkameraden, war ein oder zwei Jahre älter und bei den Pimpfen mein Jungenzugführer und ich , als einer der drei Jungenschaftsführer sein Stellvertreter.

Sein Vater nun hatte ein Pferd und einen kleinen Kastenwagen und mit dem fuhr er nun übers Land und sammelte Altstoffe, man konnte auch sagen Lumpen oder Koddern. Dieses Geschäft muss ihn und seine Familie ernährt haben. Er führte auf seinem Wagen auch Haushaltsgeschirr mit und gab dieses dann an die Personen im Tausch für die Altstoffe, die er von diesen erhielt.

Nicht alle Tage aber doch von Zeit zu Zeit hatte er sich nach guten Geschäften einen oder mehrere hinter die Binde gekippt. Er fuhr dann die Lindenstraße hinab und sang nach der Melodie:

Ja, ja, ja,  der Sommer, der ist da……….

Jo, jo, jo, der Kodderlosch is do, Jo, jo, jo, der Kodderlosch is do,

Liebstadt hatte meinem Wissen nach keine Kanalisation und wenn doch, dann lief sie unter dem Jugendheim den Ratzeberg runter. Wir hatten also keine Toiletten, wir hatten Klos. Diese waren in den Haushalten an den unterschiedlichsten Stellen installiert. Unser Klo stand auf der Lucht. Ein einfacher Kasten mit Loch und darunter ein Zinkeimer. Wir teilten uns diese notwendige Einrichtung mit der Familie Zander. Wohin also nun mit den  Speisen die unser Körper verarbeitet hatte?

Jeden Dienstag, nach Eintritt der Dunkelheit nun, trat eine Institution in Erscheinung. Ein Jauchewagen bespannt mit zwei Pferden und darauf stand die Goldmarie. Wer dieser Frau den Namen gegeben hat – das weiß ich nicht. Aus den Häusern strömten nun die Bewohner mit ihren Eimern, reichten diesen hoch, er wurde geleert und wieder seiner Bestimmung zugeführt.

In den meisten Fällen war meine Mutter diejenige welche, doch wenn sie und meine Schwester Gertrud Spätschicht in der Tuchfabrik Hinrichssegen hatten, dann war auch ich gefragt. Im Winter war es sinnvoll Salz oder heißes Wasser in den Eimer zu tun.

Das war ein Teil unserer Welt damals. 

Der Lenz-Wilhelm

 

In Liebstadt gab es eine so genannte Eiergasse. Fragt mich nicht warum, aber sie existierte und zwar von der Bahnhofstraße aus, gleich hinter Kramkowski.

Dort wohnte in den 30iger Jahren ein Wilhelm Lenz. Es war so um die Zeit, da Adolf Hitler Reichskanzler wurde und der Hitlergruß eingeführt wurde. Die ärmere Bevölkerungsschicht, die Arbeiter hatten sich noch nicht so mit den Braunen angefreundet.

So geschah es, dass auf der Straße jemand dem Wilhelm Lenz begegnete und ihn mit „Heil Hitler“ grüßte. Lenz blieb stehen, sah sich den Mann an und sagte: Herrche. Sie müssen sich irren.

Ich bin nicht der Hitler. Ich bin der Lenz-Wilhelm aus der Eiergass.

 

Das Lorbass-Blattche.

 

Da schickt die Mutter ihren kleinen Jungen zum Einkaufen.

Sie hat ihm aufen Zettel geschrieben, was er alles mitbringen soll.

Als er schon auf der Trepp ist, ruft sie ihm nach: „Bring auch noch Lorbeerblätter mit.!“

Er kommt nun zu Kramkowski und liest vom Zettel ab, was ihm die Mutter aufgeschrieben hat. Da fällt ihm ein – da war doch noch was. Was soll ich noch mitbringen? Er simuliert laut, immer und immer wieder bis Kramkowski ungeduldig wird, denn es sind noch andere Kunden im Laden, und sagte: Du pass auf, du Lorbass…. Da ruft der Junge: Ja, das war es. Lorbass-Blattche wollte de Mutter noch haben.

 


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