Das „Brautpaar ", die Blasi Olga und der Dienerer Franzi etwa 50 Jahre später anlässlich

der Gedenkstein-Einweihung am 24. 9. 1994 auf dem Friedhof in Prostibor.

 

Wie der Dienerer Franzl und die Blasl Olga „geheiratet" haben

- Erinnerungen an meine Kindheit -

Franzl und ich waren unzertrennliche Nachbarskinder und etwa 6 bis 7 Jahre alt. Den alten Radl-Wogner, der oft zu uns zum Hutschen kam und immer zu Streichen aufgelegt war, sowie meinen Bruder, den Blasl Hans, ließ dies eines Tages auf die Idee kommen, uns beiden das Heiraten einzure­den. So nahmen sie uns einmal beiseite, schmückten mich mit einem Kränzlein aus Gänse- und Dotterblumen und redeten mir gut zu. Franzl hatte seine ausgefransten Kniehosen und ich mein kur­zes Jankerl an. Nach genauesten Instruktionen schritten wir Hand in Hand durchs Dorf zum Pfarr­haus. Was wir nicht ahnten, war die Tatsache, daß uns der Radl-Wogner und mein Bruder Hans hän­dereibend in angemessener Entfernung folgten. Die Tür zum Pfarrhaus war verschlossen und die Ziehglocke für uns beide viel zu hoch. Doch wir hatten versprochen, uns von nichts und nieman­dem von unserem Vorhaben abhalten zu lassen. So stemmte mich der Franzi kurzerhand hoch und ich klingelte anhaltend. Es dauerte auch nicht lange, und Burgl, die Pfarrerköchin, kam und fragte nach unserem Begehren. Burgl: „Ach, diats sät äs, Olgerl und Franzl; was wällts denn? " Franzl: „Miar wälln heiratn, Burgl!" Burgl: „Ja, owa dees hat ja nuch Zeit!" Franzl:

Sicher waren wir beide das treuherzigste Brautpaar aller Zeiten, das dem Pfarrer bisher begegnet war und er wollte uns deshalb auch nicht enttäuschen. So suchte er nach einer Lösung, die er auch bald fand. Er fragte: „Häbts ihr denn überhaupt a Gold? " Franzl: „Naa, Gold häm ma koi(n)s!" Darauf der Pfarrer: „Dees is a Problem, denn wenn ma heiratn w 'II, mou(ß) ma(n) vül Gold hä(b)m!" Dar­aufhin stand uns die Enttäuschung in die Gesichter geschrieben, denn am Gelde würde jetzt alles scheitern. Aber der Pfarrer wusste Rat. Er zückte seinen Geldbeutel, gab dem Franzl ein Geldstück und meinte, das solle der Grundstock sein für unser Vorhaben. Wir sollten solange sparen, bis wir ei­nen Beutel voll Geld hätten und dann sollten wir wieder kommen. Das war eine gute Lösung und wir alle waren zufrieden. Die Burgl geleitete uns daraufhin bis zur Tür, die wir Hand in Hand erreichten.„Naa, dees mou(ß) heit saa, ma(n) kua(n) niat wissn, wos kinnt!" (nach der Instruktion vom Radlwogner und Hans). Ernst und treuherzig sa­hen wir die Burgl an, die sichtlich in Schwierig­keiten geriet, uns aber nicht enttäuschen wollte. Andererseits hatte der Pfarrer, HH. Franz Bayer, gerade Leute zwecks Urkundenausstellung bei sich und die Burgl sollte deshalb jede Störung fernhalten. Sicher hatte Burgl einen Schabernack vermutet, jedenfalls schaffte sie es, dass der Pfar­rer uns trotzdem empfing. Allerdings wußte auch er sicherlich nicht, was auf ihn zukam, als wir Hand in Hand zu ihm hineinspazierten. Er und die Burgl drehten ihre Köpfe zwar mit vorgehal­tener Hand zur Wand, doch keiner von beiden lachte. In aller Ruhe zündete sich der Pfarrer zu­erst einmal seine Pfeife an, setzte sich gemütlich hin und fragte schließlich nach unserem Anliegen. Franzl wiederholte daraufhin unseren eingeübten Spruch und betonte besonders, dass es nicht mehr aufschiebbar wäre.

Doch schon riß sich der Franzl los und sauste wie ein geölter Blitz zum Kaufladen, wo er unseren Grundstock in „Zuckerla" umsetzte.

Viele Jahre vergingen, Franz und ich haben später trotzdem geheiratet, allerdings jeder einen anderen Partner. Dennoch haben wir jetzt als Großeltern gemeinsam schon des öfteren über unsere frühe „Eheschließung" gelacht.

Olga Henf, geb. Stöhr 1994

 

Beim "Herrgott‑Schmåtzn“

 

Wie ihr sicher wißt, gingen die Mütter mit ihren Kindern an Ostern in die Kirche zum Herrgott‑Schmåtzn. In der Zeit, wo die Kinder die Wundmale an Jesu Leib küßten, legten die Mütter Eier und Süßigkeiten oder eben etwas Österliches neben oder hinter ihnen zum Mitnehmen ab. Wohlgemerkt ‑ aber nur für die Gu-ten lag etwas bereit! Wir Kinder sahen das als eine Belobigung und ein Geschenk des Himmels an. Meine Freundinnen hüpften schon freudig umher und zeigten ihre Geschenke. Aus welchem Grund auch immer ‑ mit mir gingen weder Vater noch Mutter zur Kirche, obwohl ich sehr darum bat. Es hatte ganz den Schein, als würde ich leer ausgehen. Ich war sehr traurig und mein Herz war schwer, war ich doch überzeugt, so brav wie die Anderen gewesen zu sein.

Also faßte ich einen Entschluß, betete zum lieben Gott und zog alleine  zum „Herrgott‑Schmåtzn“.           Zu einer Zeit, von der ich annehmen konnte, daß niemand in der Kirche sei, betrat ich die Kirche.

Ich gab mir die größte Mühe und habe geschmåtzt' und ,geschmåtzt' und ganz bestimmt kein Wundmal und keine Narbe ausgelassen und immer wieder nachgesehen, ob sich schon etwas getan hatte. Meine Enttäuschung wurde immer größer und meine Traurigkeit wuchs. Und dann lag doch auf einmal etwas da. Wie glücklich war ich bei der Entdeckung und ein dankbarer Seufzer stieg zum Himmel. Meine Beine liefen von ganz alleine durch das Dorf und ich zeigte voller Stolz meinem Annerl und der Maritsch, auch solche Dummerla wie ich, meine Geschenke. Viel später erfuhr ich, daß die Pfarr‑Burgl gerade in der Kirche war, um neue Kerzen aufzustecken, und mein Tun beobachtet hatte. Es tat ihr um mich leid und so lief sie schnell ins Pfarrhaus, um eine Kleinigkeit zu holen. Ich war viel zu sehr mit dem .Schmåtzn beschäftigt, daß ich nicht merkte, daß sie etwas für mich hinlegte. Das erlebte die Blasl‑Olga aus Prostibor, Haus‑Nr.71 an Ostern 1941 oder 1942.

 
Das Zigeunerchen

In unserer Familie waren alle blond. Meine Mutter, mein Bruder Hans und mein Vater (zu der Zeit allerdings schon grau) ‑ nur ich war schwarzhaarig. Und deshalb nannte mich mein Vater oft das ,Zigeunerchen'.

Seine Geschichte : Durchziehend Zigeuner hätten mich in Döllitschen vergessen und dieweil er ‑ mein Vater ‑ ein so gutes Herz hatte, habe er mich aufgenommen wie sein eigenes Kind. Wenn er zu mir davon sprach, war immer dieses Funkeln in seinen Augen, er strich mir über den Kopf, und ich höre ihn noch sagen Mein liebes, liebes Mädele". Ich war wirklich lange im Zweifel, was meine Herkunft betraf, und deshalb war ich besonders lieb und brav und habe ihn umschmust ‑ was er sehr genoß. Später ‑ als er bei seinen Enkeln auf die gleiche Tour reiste ‑ bin ich ihm voll auf die Schliche gekommen.

 
 
 
 

Der alte Radlwogner

 

Ein alter Freund hat sich auf eine besondere Weise in mein Gedächtnis eingegraben.

Der alte Radlwogner kam gerne zu uns zum Hutschen. Stets mit Hut und Pfeife und immer zu einem Schabernack bereit. So hab' ich ihn im Gedächtnis, doch nicht nur so!

Wenn ich das Zornigsein erlernt haben sollte, dann hat er großen Anteil daran. Er konnte auf Befehl zu jeder Zeit einen Furz lassen und mich damit unheimlich ärgern. Trotz Abmachung, daß das nie mehr vorkommen solle, hielt er sich nicht daran, reizte mich immer wieder und brachte mich zur Weißglut, woran er sichtlich seine Freude hatte.

Wir saßen wieder einmal beisammen im Hof auf der Bank und es passierte wieder und wieder und wieder. Ich sprang auf, stand mit erhobenem Finger vor ihm und wies ihn auf sein grausliges Vergehen hin. Mit schuldbewußtem aber verschmitztem Gesichtsausdruck beteuerte er : , Ach das war halt ein Versehen". Ich mußte es akzeptieren. Gleich danach passierte es wieder mein anklagender Finger ging hoch ‑ oh, der war nur ausgekommen", der war entfleucht", der war "entwischt", der war ,herausgerutscht", der war entschlüpft", und so weiter, bis er mich dort hatte, wo er mich hinhaben wollte. Ich stand wie ein Zornpumperl vor ihm und stampfte zornig mit den Füßen. Er gelobte feierlich Besserung. Auf dies Weise hat er mich nicht nur einmal unterhalten". Das Ganze tat unserem Einvernehmen keinen Abbruch und wir blieben gute Freunde.

 

Die drei Geschichten stammen von : Olga Henf, geb. Stöhr, Edderitzer Str. 26 06366 KöthenlAnhalt

 

 

 

 

 

1. Wie das Bauer Annerl und ich Anfang Mai 1945

den Einmarsch der Amerikaner erlebten.

 

Wir ‑ das Annerl und ich, die Olga ‑ beschäftigten uns an diesem Tag im Garten mit dem Wasserschlauch. Unterhalb unseres Hauses verlief die Straße, und an uns vorbei fuhren Lastautos mit meist farbigen amerikanischen Soldaten aus Richtung Darmschlag. Es waren die ersten Schwarzen, die wir je zu Gesicht bekommen hatten. Erst blieb es beim Winken. Doch dann kam uns die Idee, die lachenden Soldaten mit einem"Strietz" Wasser zu erfreuen, was von diesen auch mit Lachen und Geschrei aufgenommen wurde. Es machte uns viel Freude, unser Übermut steigerte sich, wir lagen auf der Lauer und erwarteten jedes Auto.

Da kam auch ein Jeep, der "Strietz" ging ab, doch oweh, im Auto saß ein hoher Offizier mit einer Dame. Der Jeep blieb stehen und das Lachen blieb aus, als der Offizier ausstieg. Annerl hatte die Gefahr erkannt und sich schnell wie ein Wiesel davongemacht und versteckt. Ich war starr vor Angst und konnte meine Beine nicht bewegen. Irgendwie muß das den Amerikaner gerührt haben, aber er verwarnte mich und sagte, daß er mich morgen abholen würde. Ich hatte schreckliche Angst und durfte am nächsten Tag auch nicht zu meiner Großmutter nach Wiedlitz, wo es immer Leberknödelsuppe und die lockeren runden Kuchen gab, die nur bei ihr so gut schmeckten. Das war eine harte Strafe und außerdem hatte ich mich den ganzen Tag über im äußersten Winkel am Heuboden versteckt, damit mich der amerikanische Offizier nicht finden sollte. Als der Tag endlich zur Neige ging, war ich heilfroh, daß mich der Offizier zu holen vergessen hatte. Abends kam die Mutter mit einem in ein Tuch eingebundenen Kuchen und ich tat mich gütlich daran.

 

Olga Henf, geb. Stohr (1994)

 

Wie Vater mich überzeugt hat, daß er die Sprache der Tiere versteht

Vater war sehr naturverbunden und hatte eine besondere Beziehung zu unseren Haustieren. Wenn Mutter eine Henne oder ein Kaninchen schlachtete, schimpfte er sie Mörderin und hat nichts davon gegessen. Es war immer die reinste Tragödie. Er sagte, das wären unsere Hausgenossen und Freun­de, und er würde nicht so wie Mutter heute mit ihnen schöntun und sie morgen hinterrücks in den Topf stecken. Mir machte er weis, daß sie seine Freunde seien und er ihre Sprache verstehe. Es war tatsächlich so: wenn er zum Hof rein kam, lief ihm alles entgegen, und es war ein Geschnatte­re und ein Gegackere und ein „Erzählen".

Ich war blaß vor Neid, denn vor mir ging alles stiften. Wahrscheinlich war das durch mein Geschrei, das ich veranstaltete, wenn ich wieder einmal barfuß in den Hühnerdreck getreten war.

Es war die Zeit der jungen Gänschen, als Vater mit ihnen wieder einmal eine Unterhaltung hatte und natürlich alles verstand. Da stellte ich ihn auf die Probe, und er mußte mir auf der Stelle übersetzen, was da gesagt wurde. Vaters Antwort kam prompt:

Die Gänschen: „San mia scheijne Wiewala, san mia scheijne Wiewalaf" (im Singsang)

Ich : „ Und die Gans? "

 Die Gans: „Mia warn aa sua, mir warn aa sua!"

 Ich : “Und der Gänserich?"

Der Gänserich: „Ach dees is scho sua läng her, ach dees is scho sua läng her!" So war ich auf der Stelle überzeugt, daß mein Vater die Sprache der Tiere könne und er stieg da­durch noch mehr in meiner Achtung.

OlgaHenf, geb. Stöhr (1994)

 

 


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