Ich, die männliche wurde in Ostpreußen geboren, einer früheren Provinz des Deutschen Reiches, die es heute offiziell nicht mehr gibt. Jüngere Generationen können mit diesem Begriff nichts anfangen und so wird sie wohl vollends in Vergessenheit geraten.

Im September 1932 wurde ich in Liebstadt geboren. Liebstadt war eine Stadt mit ca. 2500 Einwohnern, anerkannter Luftkurort des Oberlandes und gehörte zum Kreis Mohrungen. Liebstadt trägt heute den Namen Miłakowo und ist Teil der Region Masuren in der Republik Polen. Liebstadt wurde im Januar 1945 zu einem großen Teil durch Kriegshandlungen zerstört. Am 23. Januar 1945 flohen wir, meine Mutter, meine Schwester und ich, vor der Roten Armee und erreichten am 12. Februar 1945 unsere zweite Heimat. Das war das Dorf Hessen im Kreis Halberstadt (damals Kreis Wernigerode).

Seit März 1955 wohne auch ich in Köthen.

Den Verlauf meiner „Reise“ von Liebstadt nach Hessen will ich hier schildern:

 

                                                               Januar 1945  -

 

                                                Abschied von Liebstadt/Ostpreußen.

Heute, es ist der 6. März 2002, will ich versuchen, die letzten Tage in Ostpreußen  von den Daten undvon den Erlebnissen, zu erfassen.

Im Herbst 1944 haben wir viele Trecks durch Liebstadt ziehen sehen.  Landsleute aus den nördlichen Kreisen Ostpreußens, die der Russe schon eingenommen hatte. Anfang Januar 1945 konnten wir schonin der Ferne den Geschützdonner vernehmen,  doch viele der durchziehenden Soldaten beruhigten uns,  indem sie sagten, dass der Russe noch weit weg sei. Aber er war nicht mehr so weit weg.

Ich habe schon des Öfteren versucht, mich an das Datum zu erinnern, also an denTag,  an dem wir,  meine Mutter, meine Schwester Gertrud und ich, Liebstadt verlassen haben, für immer, auch wenn wir das damals nicht wahrhaben wollten.

Von der Sparkasse hatten wir etwas Geld geholt,  von Fleischer Thiel Dämpfwurst, aus der Molkerei einen halben Laib Tilsiter Käse und noch einiges anderes, was es noch so gab.

Ich habe immer den  23. Januar im Gedächtnis gehabt und ich glaube auch,  dass ich damit richtig liege.   Aus einer Generalstabskarte kann man entnehmen,  dass Liebstadt am 24. Januar eingenommen wurde. Es gibt allerdings etwas, was mich irritiert.  Der 23. Januar kann mit Recht als der  „Schwarze Tag“  Ostpreußens bezeichnet werden. Warum? Die 2. weißrussische Front hatte vom 14. bis 23. Januar ihre Aufgabe gelöst, Ostpreußen vom übrigen Reichsgebiet abzuschnüren. Gertrud meint aber, es wäre der24. Januar gewesen. Das käme aber mit dem Wehrmachtsbericht und mit den ganzen Kampfhandlungen nicht so recht hin. Wer den Teil Ostpreußen,  aus dem ich stamme,  besonders das Oberland kennt,  aber auch weiter nach Westpreußen hin,  für den ist es unvorstellbar,  warum der Kampfverlauf so verlief, wie aus Wehrmachtsberichten hervorgeht.Mohrungen,  südlich von Liebstadt wurde am 22.01. eingenommen,  Liebstadt am 24.01. Über die Räume Wormditt, nur 15 km in nordöstlicher Richtung,  Pr. Eylau und Zinten aber wird berichtet,  dass noch am 12. Februar hier starke russische Angriffe stattfanden. Die Kämpfe müssen tatsächlich hin und her gegan-gen sein.  Von Liebstadt sagt man, dass es viermal den Besitzer gewechselt hat. Aber sehen wir weiter.

[An dieser Stelle aber muss ich wiederum etwas einflechten. Ich bekam das Buch „Sterben und Vertreibung der Deutschen im Osten 1944-1949“ von Marco Picone Chiodo.  Im Kapitel IV auf Seite 76 wird von einem Pastor Bernecker berichtet, der mit Aulolöwener Treck am 20. Januar nach Liebstadt kam. Am nächsten Tag hielt er einen kurzen Gottesdienst ab  –   am 21. Januar, einem Sonntag. Schon seit dem Morgen dieses Tages zogen flüchtende Kolonnen von Militär und  Zivilisten durch die Stadt. In der Nacht zum  23. Januar, es tobte ein Schneesturm über Liebstadt, musste die Bevölkerung Liebstadt verlassen. Einige mit Militär-fahrzeugen, andere zu Fuß in Richtung Wormditt, Mehlsack und Braunsberg.] 

An einen Schneesturm kann ich mich nicht erinnern, doch das mit den Militärfahrzeugen stimmt.

Hier also die Bestätigung, dass ich mich nicht geirrt habe, es war der 23. Januar.

Wir zogen nicht in die nordöstliche Richtung, wie im Bericht des Pastors Bernecker erwähnt, sondern nach Nordwest in Richtung Pr. Holland.

Einen Tag zuvor, also am 22. Januar, hatten wir meine Schwester Maria mit ihren beiden Söhnen, Werner(* 06.09.41) und Günther (*31.07.43) zu Wehrmachtsautos gebracht, mit denen Frauen mit Kleinkindern in Sicherheit gebracht werden sollten.

Danach packten wir einige Habseligkeiten auf einen kleinen Schlitten und machten uns auf den Weg.  Wir hatten einen für Ostpreußen typischen Winter, viel Schnee (wenn mich meine Erinnerung nicht täuscht 30-40 cm)  und Frost.  Am 23. Januar 1945 wurden 22 ° Kälte gemessen.

Entlang der Brauhausstrasse, der Adolf-Hitler-Strasse und der Bahnhofstrasse kamen wir mit unserem Schlittchen bis zu Kramkowski. Dort war Schluss. Die Strasse war versperrt mit Militärfahrzeugen und mit Trecks. So beschlossen wir in Liebstadt zu bleiben und die Ankunft der Russen abzuwarten.

Meine Mutter sprach polnisch und beherrschte auch die polnische Schrift. Sie hatte während ihrer Arbeit in der Tuchfabrik Hinrichssegen viel Kontakt mit polnischen und ukrainischen Zivilarbeitern. Für diese hatte sie Briefe übersetzt – Post die in Deutsch geschrieben werden musste -. Wie dachten, dass diese Kontakte uns vielleicht helfen würden, wenn die Russen und danach die Polen kommen würden.

Am späten Nachmittag (22.01.) hielten in der Lindenstrasse auf der anderen Seite von Dossow bis zur Judenkirche einige Wehrmachtsautos. Die Besatzungen verteilten sich auf die Häuser und so kamen  auch zwei Landser (untere Dienstgrade) zu uns. Wir haben dann zusammen gegessen. Die Soldaten boten uns an mit ihnen zu fahren. Wenn wir auch beschlossen hatten in Liebstadt zu bleiben, so ließen wir unsdoch überreden. (Es war der richtige Entschluss). 

Wir machten uns alle lang auf den leeren Betten, denn alles war im Keller verstaut. Früh um 3 Uhr be-stiegen wir eines der Autos. Es war ein Koffer, wie man so sagt, und zum Glück auch ein „Holzkocher“.

Es ging sehr langsam voran in Richtung Pr. Holland. Die Strassen waren verstopft. Durch kleine Fenster des Wagenaufbaus konnte ich die Straße beobachten,  denn es  war inzwischen Tag geworden. Welch ein Bild!! Im Straßengraben umgekippte Pferdewagen und Pferdeleichen. Ein Bild, das mir bis heute deutlich vor Augen steht. Plötzlich krachten zwei Schüsse aus einem Geschütz. Eine Panik entstand. Wie andere auch, so fiel ich von unserem Wagen.  -  Hier muss ich einflechten, dass die Ladefläche des Lkw nicht leer war, sondern beladen. Womit weiß ich nicht, aber es könnten Decken o.ä. gewesen sein, denn es war weiches Material und für uns gut darauf zu liegen.  –   Ich erkannte links von unserer Fahrtrichtung am Waldrand einen Panzer.  Alles stürzte nach rechts über den Acker durch den tiefen Schnee. Doch die Schüsse wiederholten sich nicht. Es trat Ruhe ein.

Es muss sich um einen vorgestoßenen russischen Panzer gehandelt haben. Meine Vermutung wird be-stätigt durch einen Bericht in dem Buch:  „Der Kampf um Ostpreußen“ Es heißt dort auf der Seite 106:

„In dem dichten Strom der Menschenmassen und der Flüchtlingsfahrzeuge aller Art waren die Panzer auf der Straße von Pr. Holland unbemerkt mitgefahren.“ Nun steht für mich auch fest, dass sich dieser Zwischenfall zwischen Pr. Holland und Elbing ereignete. Dieser Panzer, es könnten auch mehr gewesen sein, gehörte zu insgesamt sieben russischen Panzern, denen es dann gelungen war, bis Elbing durchzustoßen. Sie wurden wegen der Dämmerung und wegen ihren teilweise feldgrauen Uniformen für deutsche Panzer gehalten. Von diesen sieben Panzern konnten im Stadtgebiet von Elbing vier abgeschossen werden.

Mehr als 59 Jahre danach – am 21. Mai 2004 – fuhren meine Frau, mein Schwager und ich von Elbing kommend diese Strecke. In diesen vergangenen Jahren hat die Natur sich verändert. Doch konnte ich den Ort wieder erkennen.

Unterwegs fielen einige Fahrzeuge wegen Benzinmangel aus. Wir aber fuhren mit einem „Holzkocher“.  Es war schon dunkel, als wir Elbing erreichten. War es am Stadtrand oder wo, ich weiß es nicht mehr, fanden wir Unterschlupf in einem „Bunker“ (ein Erdloch mit Eisenbahnschwellen abgedeckt) in einem Garten.

Wer war von den Liebstädtern, besonders von den nächsten Nachbarn aus der Lindenstraße in den Fahrzeugen und in diesem Bunker ?

Am 29.09.1995 traf ich in Schwerin zum „Mohrunger Kreistreffen“ meinen Schulkameraden, Nachbarn und guten Freund aus der Lindenstraße 5, Erich Wendland. Wir haben bis heute Kontakt und von ihm weiß ich auch, dass er auf diesem Treck bis Elbing dabei war. In diesem Erdloch aber hat er nicht übernachtet.

Am 24. Januar sehr früh gingen wir zum Bahnhof und dort stand u.a. ein Zug mit Güterwagen. Wir stiegen in einen dieser Wagen, in der Hoffnung, dass wir mit diesem Zug fortkommen würden. In unseren Wagen kamen dann Patienten (offensichtlich aus der Chirurgie) aus dem  Elbinger Krankenhaus ( in dem ich vor Jahren an den Polypen operiert worden war). Der Zug setzte sich irgendwann tatsächlich in Bewegung.

Wohl im letzten Moment,  denn Elbing wurde lt. Wehrmachtsbericht teilweise am 23. Januar eingenommen, vollständig aber erst am 10. Februar. Elbing war zur Festung erklärt worden.

Eine weitere Etappe begann. Es war bitterlich kalt. Durch die Ausdünstung der Insassen bildete sich Kondenswasser, welches innen an den Wänden herunterlief. Unser Platz war unmittelbar an der Schiebetür und wir froren buchstäblich an den Wänden fest.  Der Zug fuhr langsam und hielt von Zeit zu Zeit. Unterwegs nahmen wir zwei junge Frauen auf, die über freies Feld gelaufen kamen, d.h. die eine schleppte sich mehr als sie lief, gestützt von der anderen. Wir zogen sie in unseren Wagen. Die eine hatte eine Schussverletzung am Unterschenkel. Der eine ihrer Stiefel war halb vom Bein gerutscht, sie lief auf dem Schaft.

Am 20. Juli 1968 war ich mit Olga, Cilli, Hans und unseren Kindern auf der Marienburg. Wieder am 06. Juni 1974 mit Mutter und Gertrud und zum dritten Mal am 28. August 1999 mit Olga. Die Eisenbahnbrücke über die Nogat existiert noch. Die Brücke, auf der wir am 24. Januar des Jahres 1945 mit unserem „Bummelzug“ standen, angesichts der brennenden Marienburg. Das muss der 24. Januar gewesen sein und dass die Burg brannte bestätigt auch Gertrud.  Der Wehrmachtsbericht spricht aber erst von erbitterten Straßenkämpfen in Marienburg und Elbing am 27. Januar !!!                                

Hier muss ich erwähnen, dass sich die Marienburg in diesen Jahren von 1968 bis heute sehr verändert hat. Die Polen haben mit der Wiederherstellung dieser Burg des Deutschen Ritterordens hervorragendes geleistet..

Zurück nun zum Januar 1945. Bei Tageslicht waren wir von Elbing abgefahren, es war stockfinster, als wir auf der Weichselbrücke kurz vor Dirschau standen. Ein beklemmendes Gefühl, - im Krieg, Geschützdonner war zu vernehmen, auf das Wasser mit seinen Eisschollen herabzublicken und sich vorzustellen was passieren würde wenn ......!

Wir Drei und auch andere stiegen aus dem Zug und liefen über die Eisenbahnbrücke nach Dirschau. Es fing an zu dämmern. Der 25. Januar war angebrochen.

          -  Diesen Tag erlebten wir nur, weil wir wieder einmal Glück hatten !!  -

Es knallte gewaltig hinter uns. Die Brücke, auf der unser Zug gestanden hatte, den wir verlassen hatten um zu Fuß weiterzugehen, war gesprengt worden. [Davon war ich ein Ohrenzeuge, nicht ein Augenzeuge, denn dass es sich um diese Brücke gehandelt hat, habe ich später erfahren.]  Damit war ein wichtiger Versorgungs- und Fluchtweg gesperrt. Dazu kam, dass russische Panzer vor Elbing standen. Ostpreußen, die Bevölkerung und die Truppe konnte nur noch über See durch den einzigen Hafen Pillau versorgt werden.

Wir erreichten Dirschau und gingen zum Bahnhof, in der Hoffnung, dass noch Züge fahren würden. Es stand ein D-Zug bereit in Richtung Berlin. Wie man sagte, der letzte, der fahren würde. An der Sperre gab es Probleme. Dort standen Feldgendarmen, die sogenannten „Kettenhunde“. Gertrud, sie war 19 Jahre alt, sollte nicht durch. Es hieß, nur alte Leute und Frauen mit unmündigen Kindern. Während Mutter auf denFeldgendarmen einredete, drängelte sich Gertrud hinter seinem Rücken unbemerkt durch.  Wieder war eine Hürde genommen.

Der Zug hatte Abteile mit je 8 Plätzen und seitlichen Gängen. Wir hatten Glück, denn wir fanden Platz in einem der Abteile. Der Zug war ungeheizt und wir wärmten uns gegenseitig. Die Gänge waren vollständig belegt und auch die Toiletten. Wir fuhren unserem nächsten Ziel entgegen  -  Berlin  -  und entfernten uns immer mehr von unserer Heimat, die wir erst mehr als 13 Jahre später wiedergesehen haben.

Der Zug erwärmte sich während der Fahrt und wurde so heiß, dass wir alles Mögliche ausziehen mussten. Ich hatte meine HJ-Winteruniform an und darüber trug ich eine Joppe. Bisher war ich „Zivilist“; nun saß ein Hitlerjunge (Pimpf) im Abteil. (Heute weiß ich, wie dumm und leichtsinnig es war, diese Uniform zu tragen.) Es ging im Abteil sehr lustig zu. Es saß auch ein älterer Herr im Abteil, der sehr spaßig war. Für Unterhaltung und Abwechslung war gesorgt. So hatten wir doch Ablenkung. Der Zug fuhr über Stargard, Schneidemühl, Kreuz, Landsberg a.d.Warthe und Küstrin und erreichte in den Nachmittagsstunden Berlin. Auf diesen Bahnhöfen hielt der Zug und es standen Frauen der unterschiedlichsten Organisationen bereit, wie DRK, WHW, BdM, NSFB. Es wurden belegte Brötchen und  Schnitten und auch heiße Getränke durch die Fenster gereicht. Trotz der Schwierigkeiten im Dritten Reich, war alles großartig organisiert. In Landsberg stieg ich durch das Fenster auf den Bahnsteig, „bewaffnet“ mit leeren Flaschen, die ich dann mit Wasser füllte. Mutter hatte Angst, dass der Zug ohne mich abfahren könnte, doch war die Wasserleitung in Sichtnähe. Es ging alles gut.

Es war noch hell, als wir auf den genannten Bahnhöfen haltmachten, d.h. dass wir also am gleichen Tag in Berlin ankamen.  Wahrscheinlich auf dem Ostbahnhof, aber das weiß ich nicht mehr. Auf dem Bahnhof wurden wir in Empfang genommen und zu einer Schule geführt, welche als Auffanglager diente. Ich kümmerte mich um Schlafdecken. Ein Name oder Begriff ist mir noch im Gedächtnis  - Hasenheide, Neue Welt  - Eine sehr große Halle, in der wir unser Essen bekamen. Es muss sich um den Volkspark Hasenheide in Kreuzberg gehandelt haben, der heute noch existiert. Wenigstens eine Nacht haben wir in der Schule geschlafen oder zwei? Nach 57 Jahren kann man schon manches vergessen haben, oder?

Am 25. Januar trafen wir also in Berlin ein. Dann wären wir also am 27. Januar zur Alten Jakobstraße in Kreuzberg gegangen. Dort wohnte eine Tochter von Kamrau. Sie hieß Gertrud Marquardt und war verheiratet. Das Ehepaar Kamrau wohnte in Liebstadt in der Lindenstraße 6, also nebenan in dem Haus, in dem auch meine Schwester Maria Behrendt wohnte. Die Tochter hatte uns gesagt: Wenn ihr mal einen Unterschlupf braucht, dann kommt zu mir. Und da waren wir nun. Mutter und Gertrud leichtes Handgepäck und ich meinen Schultornister.

Die Tage dort waren u.a. gekennzeichnet durch Fliegeralarm, Keller sitzen und auf Entwarnung warten oder auch auf Bomben. In dem Keller war natürlich das Krachen der Bomben zu hören, aber dann kam Entwarnung und wir atmeten auf. Einmal waren ganz in der Nähe Bomben gefallen und am nächsten Tag bin ich zu den zerstörten Häusern in der Nebenstraße gegangen.

Dieses ständige   -   Kuckuck   -   Voralarm  -  Vollalarm  - runter in den Keller (drei Treppen)  -  langes Warten  -  Entwarnung  -  aufatmen  -  raus aus dem Keller  -  wurde zur Routine.

Es kam der 3. Februar 1945. Ein sonniger Vormittag. Wolkenloser strahlendblauer Himmel. Ich war auf dem Hof, stand am Hauklotz und hackte Holz. Ich hatte meine Winteruniform nicht an, trug meine Joppe und an den Füßen hohe Kamelhaarhausschuhe. Gegen 10 Uhr heulten die Sirenen. Fliegeralarm. Wie gesagt, es war alles Routine!  Gewohnheit. Bis jetzt war alles gut gegangen. Ich blieb so wie ich war angezogen, d.h. ich bin nicht hoch in die Wohnung. Rein in den Keller. Von den Kellern wurden zwei genutzt als Luftschutz-Raum. Gewöhnlich hielten sich die Hausbewohner in beiden Kellern auf.  Wir saßen ständig im hinteren, etwas kleineren. Die Decke in diesem Raum wurde in der Mitte durch einen 38er Pfeiler abgestützt. An diesem 3. Februar aber saßen alle in eben diesem hinteren Keller!!!

Wann die erste Bombe ins Haus krachte? Wer hat schon auf die Uhr geschaut! Aber jeder wusste, dass es unser Haus war. Unwillkürlich duckte sich jeder. Dann die zweite. Es wackelten die Decken, besonders die des Nebenraumes und dieser war mit Kalkstaub erfüllt. Als die dritte Bombe das Haus traf stürzte die Decke im Nebenraum ein. Der Kalkstaub war stark und undurchsichtig. Das alles ging schneller, als ich es hier niederschreiben kann. War es nur einer, der es aussprach, waren es zwei, drei oder alle?  

Verschüttet!

Da saßen wir nun. Gegen den Staub waren wir relativ geschützt. In den Luftschutzkellern standen immer Gefäße mit Wasser und natürlich auch Feuerlöschgeräte, z.B. Schaufeln,  Feuerpatschen,  Feuerhaken, aber auch Brechstangen und Spitzhacken zum Durchbrechen der Mauerdurchbrüche zu den Nebenhäusern. Wir waren ausgerüstet mit Mundtüchern, ähnlich einer Op.-Maske. In einer Tasche darin steckte ein nasses Tuch. Das gab relativen Schutz gegen den Staub.

Der Pfeiler war zunächst unsere Rettung. Nach dem ersten Schreck, es gab keinerlei Panik oder Hysterie, war der nächste Gedanke zum Nebenhaus durchzubrechen. Dieser Durchbruch war nur einen Stein stark. Eine Verständigung zur anderen Seite war möglich und wir erfuhren, dass auch sie verschüttet waren. Also versuchten wir einen Ausgang zu finden bzw. zu buddeln, freizumachen oder was auch immer.

E s waren zwei Männer unter uns, schon älter, wohl nicht mehr im wehrfähigen Alter oder der Volkssturm hatte sie noch nicht entdeckt. Diese machten einen Vorstoß mit dem Versprechen, wenn sie einen Ausgang gefunden hätten, uns rauszuholen. Auf diese Herren warte ich noch heute.  So gingen wir,  ich war der einzige männlichen Geschlechts, daran, eine Ausgang zu finden. Wir fanden ihn. Er war nur auf den Knien zu passieren. Eine ältere Frau, sie mag schon über 70 gewesen sein und auch leider etwas korpulent, wurde von mir gezogen und von anderen, ich kann mir gut vorstellen, weiß es aber nicht mehr, dass Mutter und Gertrud es waren, am hinteren Ende geschoben. So brachten wir sie heraus in den Kellerraum der zur Straßenseite lag.  An dem Kellerfenster, es hatte weder Scheiben noch Rahmen, stand eine dreistufige Treppe, über die wir dann auf die Straße gelangten  -  das war das Stück zwischen den Häusern  -  bedeckt mit heruntergefallenen Mauerstücken, einzelnen Steinen, brennenden Balken. Wir rannten über diese Straße zu  einem gegenüberliegenden Haus, in den Korridor, in dem schon andere Schutz gesucht hatten. Inzwischen war es auch dunkel geworden. Doch war es trotzdem hell, denn jedes Haus brannte. Es war ein kurzer Aufenthalt. Über uns drohte das Haus einzustürzen. Also raus auf die Straße oder auf das, was mal Straße war. Mutter in der Mitte, an der rechten Hand die Gertrud und an der linken ich.

Wir wandten uns nach links ins Ungewisse und rannten, rannten, rannten. Immer wieder haltmachend, umdrehen und nach Luft schnappen. Das Feuer, das auf beiden Seiten von uns tobte, entfachte einen Feuersturm, wie ich ihn noch nie erlebt hatte und seitdem auch nicht wieder erlebt habe. Aus der Nase lief der Rotz, der Feuersturm riss einem buchstäblich die Luft vor dem Munde weg. Ich sah an beiden Seiten Leichen, verkohlt, halbverkohlt, das rosa Fleisch noch erkennbar. Ich sah es und sah es auch nicht In solchen Situationen stumpft man ab. Man hat nicht die Zeit Gedanken zu verschwenden, nur laufen, laufen, laufen, nur weg. Wir erreichten eine Straßenkreuzung. Dort hatten sich schon einige Leute versammelt. Was ich noch heute in Erinnerung habe. Auf seinem Bauch lag vor uns ein Feldwebel der Wehrmacht. Ohne Kopfbedeckung, fürchterlich hustend. Von einem Eckhaus stand nur noch die Fassade, die einzustürzen drohte. Dort konnten wir nicht bleiben. Drei Möglichkeiten standen offen. Nach links – das hätte uns in etwa wieder zurückgebracht. Geradeaus – aber in unsere Überlegungen hinein kamen aus dieser Richtung vom Moritzplatz eine große Menge auf der Flucht. Nicht lange gezögert, wir wählten die einzige Richtung, die noch offen blieb – nach rechts.

Der gleiche Lauf wie vorher, aber das Feuer wurde weniger und dann standen wir plötzlich auf einem Platz und wussten, dass wir dem Feuer entkommen waren. Es muss nach 20 Uhr gewesen sein. Gegenüber, auf der anderen Seite, sahen wir ebenerdig schwacherleuchtete Fenster. Es war eine Gaststätte. Mutter musste mich führen, denn durch den Rauch und den Staub waren meine Augen verkleistert, so dass ich diese nicht richtig öffnen konnte. In der Gaststätte fanden wir an einem Tisch Platz. Man sah uns an, woher wir gekommen waren. Wir wurden  befragt uns und von der Wirtsfrau bekam ich zwei Schnitten mit Schmalz. Meine Augen tränten stark, aber das war gut so, denn allmählich wurde ich wieder sehend. Die Gaststätte schloss um 22.00 Uhr und wir mussten auf die Straße. Auf dem Platz standen beschädigte Straßenbahn-Wagen. Darin verbrachten wir die Nacht, zum Glück nicht mehr in ostpreußischer Kälte. Trotzdem keine angenehme Nacht.

Heute weiß ich, dass dieser Bombenangriff der schwerste war, den die Alliierten je auf Berlin geflogen hatten. Es fielen bei diesem Angriff 3000 Tonnen Sprengbomben. Den Alliierten war bekannt, dass Tausende Flüchtlinge aus Ostpreußen in Berlin angekommen waren. Bei diesem Angriff kamen 22000 Menschen ums Leben. Die Schwere dieses Angriffs wurde nur übertroffen durch den auf Dresden am 13./14. Februar. In Dresden hielten sich zu dieser Zeit etwa 500 000 Flüchtlinge aus dem Osten auf. Auch das wussten die Alliierten! Die Zahl der Opfer ist ungeklärt, zwischen 60 000 und 245 000!!!

Am Morgen des 4. Februar liefen wir zurück zu dem Ort, wo wir uns aus dem Keller hatten retten können. Die Häuser waren noch mehr zusammengestürzt und die Straße war mit Schutt bedeckt. Dort trafen wir eine Frau, die in dem gleichen Haus gewohnt hatte und auch mit in dem Keller gewesen war. Weil wir nicht wussten, wohin wir uns begeben konnten, nahm sie uns mit zu ihrer Tochter, die in der Danziger Straße wohnte. Dort waren bisher keine Bomben gefallen. Es ist bezeichnend für diese Zeit damals, dass jeder jedem half!!!

Hier begann der gleiche Alltag mit Fliegeralarm und Entwarnung. Jetzt nahmen wir das nicht mehr so gelassen. Von diesem Quartier aus war Mutter täglich auf dem Bahnhof Börse (heute der Nordbahnhof) wegen Fahrkarten nach Magdeburg. Das bedeutete, dass Gertrud und ich zurückblieben in der ständigen Angst, wir könnten durch einen erneuten Bombenangriff getrennt werden.

Nach einigen Tagen hatte Mutter Glück. Wir hatten Fahrkarten und fuhren nach Magdeburg. Ich bin mir nicht sicher, aber es könnte der 8. Februar gewesen sein. Ganz zeitig, es war noch dunkel, begaben wir uns zum Bahnhof Börse. Alles war überfüllt, die Bahnsteige und später auch der Zug. Wir erreichten Magdeburg am späten Vormittag und fragten uns durch zum Polizeipräsidium Sudenburg.

Dort fanden wir unsere Schwester Cilli. Sie brachte uns bei einer Bekannten oder Kollegin unter. Die Wohnung war nicht beheizt und wir saßen in Decken gehüllt in Sesseln und warteten auf einen „Marschbefehl“, den uns Cilli beschaffen wollte.

Auch hier in Magdeburg der nun schon gewohnte Alltag. Fliegeralarm – Luftschutzkeller – Entwarnung. Einmal waren wir im Keller des Doms, die anderen Male in einem Tiefbunker auf dem Körnerplatz.

Hier an dieser Stelle meines Berichts gehen meine Gedanken zurück nach Liebstadt. Auch dort gab es Fliegeralarm. Wir mussten uns dann nebenan bei Bäcker Dulias im Hausflur einfinden. Der Luftschutzwart hat das kontrolliert. Wir fühlten uns sicher. Auch in dem Erdbunker in Elbing und auch im Keller in der Alten Jakobstraße in Berlin.  --- Bis zum 3. Februar 1945 – dann nicht mehr. Nicht in den Kellern der Danziger Straße in Berlin. Auch nicht in diesem Tiefbunker auf dem Körnerplatz in Magdeburg.

Am 11. Februar kam Cilli mit der Nachricht: Morgen fahrt ihr nach Halberstadt. Von dort werdet ihr eingewiesen. Am 12. Februar fuhren wir mit der Eisenbahn nach Halberstadt und bekamen dort unseren „Marschbefehl“ nach Hessen. Ich wusste, dass es sich bei Hessen um ein Land handelt. Ein Ort? Es war Hessen am Fallstein, im damaligen Kreis Wernigerode. Wir erreichten es, mit einmal umsteigen in Heudeber-Danstedt, so gegen 18.00 Uhr. Es war schon dunkel. In der Gaststätte „Zur Weinschänke“ versammelten sich alle Ankömmlinge. Hier erhielten wir eine Mahlzeit und unsere Quartiere. Gertrud kam zu der Familie Winkelmann gleich neben der Weinschänke,  Mutter und ich zu Frau Dragon. Hier nun endete unsere Flucht aus Liebstadt in Ostpreußen.

 

                                   Unsere „Reise“ hatte 21 Tage gedauert.

 

Nach der Wiedervereinigung Deutschlands habe ich Kontakt bekommen mit Landsleuten, besonders aber mit Erich Wendland. In Gesprächen mit ihm, habe ich einige Lücken im Gedächtnis schließen können. Auch habe ich von ihm ein Buch bekommen mit dem Titel: „Der Kampf um Ostpreußen“. Aus dem Inhalt dieses Buches, aber auch aus Filmen, die sich mit dem Thema – Flucht und Vertreibung – beschäftigen, ist mir eines klar geworden. Was wir auch auf diesem Weg von Liebstadt nach Hessen erlebt haben, ist nichts gegen die Leiden und Entbehrungen meiner Landsleute, die mit der kämpfenden russischen Truppe in Berührung kamen, die gequält und gemartert wurden, unmenschlich behandelt und getötet, auf ihrem Weg über das Frische Haff ums Leben kamen.

 

                                   Wir hatten einfach nur Glück!

 

7

 

 

       Liebstadt

       Liebstadt, ehemalige königliche Immediatstadt, liegt im preußischen Oberland    

       an der Liebe, einem Zufluss der Passarge, vierzehn Kilometer Luftlinie nord-

       östlich von Mohrungen.

       Der Ort wird schon 1314 in einer Urkunde erwähnt, doch das historische

       Gründungsjahr ist unbekannt. Der Ordensritter Heinrich von Liebenzell soll

       ihn 1302 gegründet haben. Nach der Sage soll er diesen Ort, an dem er ei-

       nen starken Hirsch erlegte, als eine „liebe Stätte“ bezeichnet haben. Er erbau-

       te hier eine Burg (Schloss). Überreste der Mauern sind heute noch vorhanden.

       Bis 1945 gab es vier Mauerstrassen.

       Das Stadtrecht erhielt Liebstadt 1329.

       Die Stadt soll vormals reiche Bürger gehabt haben, sie war mit Wällen, Was-

       sergräben und Zugbrücken umgeben.

       Die Geschichte Liebstadts ist gezeichnet durch schlimme Ereignisse.

       1455 im 13-jährigen Städtekrieg wurde die Stadt vom Orden erobert und nie-

       dergebrannt. Die dabei mitverbrannten Urkunden wurden 1491 vom Hochmei-

       ster erneuert.

       1625 kamen durch Pest mehr als 1000 Menschen um. Im gleichen Jahr Belage-

       rung durch die Schweden. Große Brände fast alljährlich. Dreimal aber ganz  -

       1414 von den Polen, 1659 von den Schweden, 1807 von den Franzosen.

       1809 große Missernte. 1812 durch die durchziehenden Franzosen  wieder ru-

       iniert.

       1820 wurde mit dem Bau des Rathauses begonnen und 1827 das große Schul-

       gebäude angekauft. 1831 und 1848 starben Hunderte an der Cholera . Trotz-

       dem betrug die Einwohnerzahl 1852 schon 2000.  1868 breitete sich ein ver-

       heerender Typhus aus, so dass das große Schulgebäude zu einem Lazarett ein-

       gerichtet werden musste.

       Ab 1750 blühten Handel und Industrie, doch Wohlstand und Verkehr gingen

       zurück, weil der sonst durch Liebstadt führende Handelsweg des reichen Erm-

       Landes durch den Bau der  Thorn-Insterburger-Bahn abgelenkt wurde.

       Liebstadt besaß ein Gas-, Wasser- und Elektrizitätswerk, zwei Volksschulen,

       eine Privatschule, Amtsgericht, drei Banken, Molkerei, zwei Mühlen, eine Apo-

       theke und zwei Drogerien. Zu erwähnen sind auch das Gefallenen-Denkmal

       (Krieger-Denkmal),die Kath. und die Ev. Kirche und die schöne Badeanstalt

       am Mildensee.

       Wegen seiner hohen Lage führte Liebstadt die Bezeichnung „Luftkurort des

       Oberlandes“: Die Einwohnerzahl betrug im Jahre 1939 2742.

       Das Zentrum von Liebstadt wurde im Januar 1945 fast ganz zerstört.

       Immediatstadt = unter Umgehung aller Instanzen direkt dem König

       unterstellt.

 


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