Geteiltes Ostpreußen  -  Quo vadis ?

 

Als Kind hatte ich keine Gelegenheit meine Heimat Ostpreußen kennenzulernen. Ausser meinem Geburtsort Liebstadt kannte ich nur Banners, Näglak und Alt-Menzels, weil dort meine Großeltern mütterlicherseits wohnten. Ein wenig auch Mohrungen. Das war aber auch alles. Zweimal nahm ich Anlauf, mußte aber aus familiären Gründen aussteigen. Mich interessierten  besonders das Oberland, Masuren und auch das Samland.

Am 27 August ds.Js. nun habe ich diese meine Absicht verwirklichen können. Mit dem Ospreußen-Spezialisten Warias (Reiseleitung Gisela und Walther Heling) ging es in Richtung Heimat.

Die erste Nacht in Polen verbrachten wir in einem sehr guten Hotel in Schneidemühl. Der zweite Tag führte uns nun  durch Marienburg, Elbing und Braunsberg (Mittagessen) zum polnisch-russischen Grenzübergang Grünau  - Heiligenbeil. Als der Bus nun, nachdem sich ein altersschwaches Tor geöffnet hatte, dieses nun unter russischer Verwaltung stehende ehemalige Gebiet Ostpreußens befuhr, hatte ich den Eindruck, als sei hier an diesem Drahtzaun die Zeit stehen geblieben. So muß es schon bei der Einnahme dieses Gebietes 1945 ausgesehen haben. Mein Eindruck wurde noch verstärkt als wir Königsberg erreichten, die ehemalige Hauptstadt Ostpreußens.

Unser Busfahrer hatte Mühe den Schlaglöchern auszuweichen. Erschreckt hat mich der Zustand der Straßen allerdings nicht, denn aus eigener Erfahrung weiß ich, was der Sozialismus Negatives leisten kann. Das Bild änderte sich als wir Königsberg hinter uns gelassen hatten, denn die Straßen, die wir dann in Richtung Rauschen befuhren, waren in einem guten Zustand. Das Hotel in Rauschen war gut und der Ort selbst und auch der Strand machten einen guten Eindruck.

Am dritten Tag führte uns unsere Fahrt über Labiau nach Tilsit. Wie schon in Königsberg, wurden wir hier beim Aussteigen sofort von bettelnden Kindern umringt und auch begleitet. Wie soll man diesen Zustand betrachten?  Diese Kinder sind, wie auch ihre Eltern, in ein System hineingeboren worden, das ihnen nichts zu bieten hat. Es hat wenig Nutzen, wenn man ihnen ein Geldstück, ein Bonbon oder Gaugummi in die Hand drückt.Aber man tut es!

Die Fahrt ging vorbei an brachliegenden Feldern, an zerfallenen Hütten und Häusern, an Gärten, welche von wenigen genutzt werden.

Am vierten Tag verließen wir den russischen  Teil Ostpreußens und fuhren zum Grenzübergang Preußisch-Eylau . Es öffnete sich wieder ein Tor und wir fuhren auf polnisches Gebiet.

In dem Storchendorf Schönbruch wurde gehalten, doch von den 27 Storchennestern, waren nur noch 6 besetzt,  diese Störche waren auf Nahrungssuche, die übrigen hatten schon ihren Zug nach Süden angetreten.

Dieses Dorf, unmittelbar an der Grenze zu Russland, erinnerte mich u.a. an Näglak und Alt-Menzels.

Besonders das eine Haus , direkt am Dorfeingang, machte einschließlich Vorgarten einen sehr sauberen und gepflegten Eindruck. Auch die Kinder, die uns umringten, kamen nicht um zu betteln. Sie freuten sich natürlich über dieses und jenes was man ihnen gab, doch war für sie in dieser Abgeschiedenheit auch Abwechslung wichtig.

Über Schippenbeil (Mittagessen)  fuhr uns der Bus  zu dem Gestüt Liesken, von dort über Bartenstein nach Heiligelinde. Die Kirche dort beeindruckend. Unser Tagesziel und der Aufenthaltsort für die nächsten drei Nächte war Lötzen . COS Centralny Osrodek Sportu, eine Ferienanlage mit Bungalows, Restaurant, Bar und Einkaufsmöglichkeit am Löwentinsee gelegen. Es war der erste der Masurschen Seen, den ich zu Gesicht bekam.

Das Ziel des vierten Reisetages war u.a. Treuburg . Wir besuchten das Treuedenkmal. Kein Hinweis über Sinn und Zweck, es stand nur so da. Doch hatte uns Walther Heling darüber aufgeklärt, warum dieses Denkmal errichtet worden war. Weiter über Goldap zum Soldatenfriedhof Jägerhöhe.

Für den sechsten Tag standen Nikolaiken und Kruttinnen auf dem Programm. Die Fahrt nach Nikolaiken führte uns am Löwentin-, Krösten- und Hensetsee vorbei, durch Lindenalleen, deren Kronen nach oben geschlossen waren, wie die Decken von Tunneln.

Nikolaiken war verregnet, doch nach dem Mittagessen (Fisch) in Kruttinnen meinte es der Himmel mit uns gut und so stand der geplanten Stakerfahrt auf der Kruttina nichts im Wege. Hier nun wurde ich mir der Schönheit meines Heimatlandes so recht bewusst. Der Spreewald bietet ähnliches, doch nicht dieses. Diese Ruhe, die hier förmlich zu fühlen war, um nicht zu sagen Andacht; es kam mir  so vor als wenn der Mensch hier noch nicht eingegriffen hätte, wie so oft doch zerstörerisch, z.B wie in Nikolaiken, wo man, um dieses Gebiet für den Tourismus attraktiver zu machen, mehrstöckige Hotels bauen will, welche doch in diese Landschaft nicht hineinpassen.

Der siebente Reisetag führte uns dann in unsere Heimatkreisstadt Mohrungen. Der dortige Herderverein hatte uns das Mittagessen zubereitet, doch die Zeit war knapp, sehr zum Ärger von Christiane Winnicka, den sie auch äußerte. Doch die Zeit drängte, denn in Buchwalde wartete das Schiff auf uns. Das Ziel war Osterode. Die Fahrt über den Kanal zum Röthloffsee und über den nächsten Kanal zum Drewenzsee, hat mich wiederum sehr beeindruckt. Vielleicht auch, weil es für mich das erste Mal war. Einigen war die 6 Stunden dauernde Fahrt zu viel, manche auch enttäuscht, weil die Fahrt nicht über die geneigten Ebenen ging. Vielleicht das nächste Mal von Buchwalde nach Elbing. Es kann durchaus sein, dass sich Walther Heling schon mit diesem Projekt beschäftigt.

Der Bus brachte uns am achten Tag unserer Reise nach Frauenburg. Nach der Besichtigung des Domes und einem Blick auf oder auch über das Frische Haff vom Kopernikusturm aus brachte uns ein Schiff nach Kahlberg. Bei dieser Überfahrt kamen wohl allen Teilnehmern unserer Gruppe Erinnerungen an die Flucht über das Haff im Winter 1945, auch wenn sie nicht alle unmittelbar betroffen waren. Nach einem Mittagessen und anschließendem Aufenthalt am Strand kehrten wir über Preußisch-Holland nach Mohrungen zurück.

Am Samstag, den 4.September führte uns der Weg zur Marienburg. An dieser früheren Burg des Deutschen Ritterordens wird gearbeitet und gearbeitet. Bis zur endgültigen Fertigstellung wird noch sehr viel Zeit vergehen.

Über Christburg, Alt-Christburg und Saalfeld fuhren wir zum Geserichsee, marschierten vom Kraggenwinkel nach Weepers zu Kaffee und Kuchen und kehrten über Saalfeld und Maldeuten nach Mohrungen zurück.

Der Sonntag nun war ein ganz besonderer Tag. Dieser Tag stand zur freien Verfügung, denn jeder suchte nun seinen Heimatort auf.

Für einen Besuch meiner Geburts- und Heimatstadt Liebstadt hatte sich Christiane Winnicka aus Pörschken mit ihrem Auto zur Verfügung gestellt. Ferner fuhren mit Anneliese Wojczik, aus Mohrungen, Klaus-Dietrich Lenuweit aus Braunschweig, (früher Liebstadt,  - ein Enkel von Sattlermeister Zobel aus der Lindenstraße 24)  und meine Frau. Als wir im Januar 1945 Liebstadt verlasen mussten, war noch alles heil. Im Sommer 1968 war ich mit Frau, Schwester, Schwager, Sohn und zwei Neffen nach 23 Jahren wieder in Liebstadt. So gut wie nichts hatte sich in Bezug auf Wiederaufbau getan. Nur 7 Jahre später, ich war mit Mutter (damals 77) und einer meiner Schwestern wieder in  Liebstadt, - das gleiche Bild. Was würde ich nun nach weiteren 24 Jahren vorfinden ?            

Zunächst besuchten wir Frau Striebel in der Stadtrandsiedlung. Mit dem Auto fuhren wir am Bahnhof vorbei, an der Meierei und ich stellte fest, dass auch der Poggeteich noch existiert. Gegenüber der Post ließen wir das Auto stehen.

Dann zur Liebebrücke. Erinnerungen  an das Eisschollenfahren und die Ängste, die meine Mutter immer ausgestanden hatte. An der Koy-Mühle vorbei, den Mühlenberg hinauf. So zugewachsen, dass es wohl nicht mehr möglich ist, so wie wir Kinder damals in Schussfahrt, hinunterzurodeln.

Wo das Parkhotel war, jetzt gepflegter Rasen. Der frühere Weg an Bauer Werner vorbei zu Pettelkau eine Asphaltstraße. Anstelle der Katholischen Schule und des Jugendheimes saubere, ordentliche Wohnhäuser. Das Kriegerdenkmal jetzt ganz verschwunden. Dafür schmucke, geschmackvolle Wohnhäuser mit gepflegten Vorgärten. Das kath. Pfarrhaus war etwas verändert und das danebenliegende Grundstück (ich glaube es gehörte Pörschke) ist in das Kirchengelände einbezogen.  Auch der kath. Friedhof bot sich mir anders dar als 1975.Das Grab meines Vaters ist nicht mehr, doch die ungefähre Stelle konnte ich noch ausmachen.

Die Lindenstraße, der Teil in dem ich wohnte noch erkennbar, der Teil über die Kreuzung Freimuth, Ragnit, Patzewitz und Dossow hinweg in Richtung Privatschule, nur noch ein Weg zwischen Gärten. Die Brauhausstraße unter Rasen verborgen. Die damalige Adolf-Hitler-Straße -jetzt positiv -nicht mehr zu erkennen. Neue Häuser gebaut, die alten wieder gut und relativ modern hergerichtet.

Die Mauer am Treppenberg, aus Bruchstein sauber ausgebessert bzw. erneuert.

Ein Besuch noch an der Badeanstalt am Mildensee und wir beendeten unseren Besuch in meinem Heimatort.

Über Mohrungen fuhren wir nach Schwenkendorf und statteten dort Anna Drozdowicz noch einen Besuch ab. Meine Frau und ich hatten sie 1968 kennengelernt, sie hatte  1975 meine Mutter, Schwester und mich beherbergt und bei den Kreistreffen in Schwerin und Ilmenau sahen wir uns nach langen Jahren wieder.

Christiane Winnicka lud uns noch auf ihr Anwesen am Pörschkensee zu einem Imbiß ein und setzte damit diesem Tag die Krone auf. Für diesen Abschluss sind wir ihr noch sehr dankbar.

Der letzte Tag unseres Aufenthaltes im polnischen Teil von Ostpreußen war dem Besuch von Danzig gewidmet. Wenn Danzig zu 95 % zerstört war, dann hat Polen hier hervorragendes geleistet.

Wir mußten unsere Heimat unter Zwang verlassen. Wir haben in dem, was uns als Deutschland noch gelassen wurde eine neue Heimat gefunden. Familien gegründet, Existenzen aufgebaut. Gleich uns sind die heutigen Bewohner von Ostpreußen, Westpreußen, Schlesien, Sudetenland nicht freiwillig in diese Gebiete gekommen. Sie haben diese Gebiete in Besitz nehmen müssen, sie haben recht und schlecht etwas daraus gemacht oder auch machen wollen. Mit etwas mehr oder weniger Glück, mit etwas mehr oder weniger Fleiß.

 

Fazit dieser Reise:

Unverständlich, dass unter russischer Verwaltung weniger als wenig getan worden ist. Russland hält sich noch an seinen Zäunen fest.

Im polnischen Teil wurde weitaus mehr getan und ich denke, dass die Veränderungen in der Politik ihren Teil dazu beigetragen haben. Hier stellt man keine Zäune auf.

In allen Hotels waren wir gut untergebracht, das Essen war gut und schmackhaft. Es hatte nur einen Mangel  -  es war manchmal zuviel.

Ostpreußen kann man nicht kennenlernen durch Medien. Dieses Land muss man erleben um es zu verstehen. Die Generation, welche ausgewiesen wurde, ob schon als Erwachsene, Kinder oder Säuglinge wird nicht ewig leben. Wer wird dann noch einen Gedanken an dieses Land verschwenden? Umso erfreulicher, dass zu unserer Reisegruppe auch jüngere Personen gehörten, deren Eltern oder Elternteile aus Ostpreußen stammen. Ich bin davon überzeugt, dass diese Reise einen bleibenden Eindruck hinterlassen hat, und vielleicht werden sie einmal wiederkommen.

 

Die Reise verlief in allem ohne Probleme.

Sie musste gut laufen, weil sie durch Gisela und Walther Heling gut vorbereitet wurde.

Weil der Bus gut und sicher durch unseren Fahrer Reinhard gelenkt wurde.

Weil Ella, unser Polenmädchen aus Deutsch-Eylau uns nicht nur in den Kaffeepausen gut versorgt hat.

Was aber wären diese Genannten ohne das disziplinierte Fußvolk gewesen?!

 

Horst Henf

früher Liebstadt

Lindenstraße 7

Oktober 1999

 

 

 

      

 

 

        *                                  

 

Nach meiner Heimat zog’s mich wieder

 

Meine Heimat  war, ist und bleibt Ostpreußen. Auch wenn der Ort meiner Geburt nun Miłakowo heißt, so wurde ich doch in Liebstadt geboren. Doch akzeptiere ich die Veränderungen seit dem Tage unserer Flucht am 23. Januar 1945. Die Menschen, die heute dort wohnen, sind zum größten Teil Nachkommen solcher, die 1945 wie wir, ihre Heimat verlassen mussten.

Nach kurzen Aufenthalten (nur wenige Stunden)  in Liebstadt in den Jahren 1968, 1973 und 1999, hatte ich mich entschlossen, meiner Geburtsstadt mehr Zeit zu widmen. Diese Möglichkeit bot sich auch durch das Angebot der Frau Gazalka, ihr Häuschen in Liebstadt zu mieten. Ich konnte neben meiner Frau auch meinen Schwager für dieses Unternehmen interessieren. Er war der Ehemann meiner Schwester Cilly (Cila), die am 23. März 2002 im Alter von 78 Jahren verstarb. Sie waren beide mit von der Party 1968. Nun hat er die Orte besucht, die ihn an diese gemeinsame Reise mit seiner Frau und seinen zwei Söhnen erinnerten. Für diese Reise konnten meine Frau und ich auch unseren Neffen und seine Frau gewinnen. Beide aus Sachsen stammend, aber sie waren neugierig auf das, was ich ihnen von Ostpreußen und seiner schönen Landschaft erzählen konnte.

Am 16. Mai begann unsere Reise in Zerbst, dem Wohnort meines Schwagers. Nach dem Treffen mit unserem Neffen und unserer Nichte an der AB-Raststätte Müllrose (Biegener Hellen) setzten wir die Fahrt fort und erreichten gegen 18.00 Uhr Liebstadt. Das Haus „Chriestelchen“ sehr schön ausgestattet, mit allem was man benötigt. Es fehlte an nichts.

Der nächste Tag, ein Montag, war selbstverständlich einem Stadtrundgang vorbehalten.

Das Haus „Chriestelchen“ steht in der früheren Karl-Freyburger-Strasse – heute Allensteiner Strasse.

Vorbei am Neuen Amtsgericht – jetzt Sitz der Stadtverwaltung - , dem Platz, auf dem sich das Hotel Czerwitzki befand – nun Parkplatz. Links entlang der Gartenstrasse, Bauer Werner, Gärtnerei Petelkau, Ragnits Schuppen, Perdemarkt  zur kath. Kirche.

Von 1942 bis Januar 1945 habe ich als Messdiener bei Messen, Taufen, Hochzeiten und Beerdigungen mitgewirkt. Introibo ad altare Dei. Ad Deum, qui laetificat juventutem meam. Mit meinen beiden Cousins Gerhard und Alfred Henf war ich auch eine Zeitlang Glöckner.

Die Kirche konnten wir nicht betreten, doch die Gittertür erlaubte einen Einblick und auch die Möglichkeit zu filmen. Weiter führte uns der Weg bis zur Straßengabelung Guttstadt – Banners. Gegenüber der kath. Kirche die Volksschule, ich besuchte sie von 1940 – 1943, macht den Eindruck, als ob sich niemand um sie kümmert. Die große überdachte Freitreppe wurde demontiert.

Unser Ziel war der katholische  Friedhof.  Der evangelische Friedhof hat sich in den letzten Jahren sehr verändert. Wenn Moni und Curt aus Preetz – MHK 104. Ausgabe Weihnachten 2004 diesen in den Jahren 1968, 1973, 1999 gesehen hätten, wäre der Eindruck, den sie schildern, berechtigt gewesen.

Zum Gedenken an die in den Wirren des 2. Weltkriegs und der Nachkriegszeit umgekommenen Bewohner wurde 2007 auf dem ehemaligen evangelischen Friedhof (oberländischen Berg) unter alten Bäumen ein Lapidarium eingeweiht. Es ist eine dreiteilige Gedenktafel mit deutscher und polnischer Beschriftung, auf der 210 Namen eingraviert sind.

Hier zwischen den Friedhöfen trafen wir Liebstädter, Vertreter der Familie Stephanie. Charlotte, doch wer waren die andren? In der Aufregung habe ich die Namen vergessen. Auch wenn sie uns noch am gleichen Tage in unserem Haus besuchten, Fragen die ich stellte, auch beantworteten. Vieles einfach weg. Sie sind auch alle älter als ich, aus dem Jahrgang meiner Schwestern. Eine längere  Unterhaltung würde mir von Nutzen sein.

Was früher der Judenfriedhof war, jetzt der neue Friedhof (der nun auch nicht mehr so neu ist und schon einige Jahre besteht). Dort sprach ich einen älteren Mann an. Er verstand nur wenig deutsch und ich noch weniger polnisch. Meine Mutter war perfekt in der polnischen Sprache und Schrift, mir hat sie das nicht beigebracht. Ich hatte aber vor vielen Jahren etwas tschechisch gelernt und so kann ich doch etwas mit den polnischen Bürgern kommunizieren. Ich legte Wert darauf, mit den Menschen in meiner Heimat in Berührung zu kommen. Mit wenigen Ausnahmen waren sie sehr aufgeschlossen. Weiter ging ich mit meinem Schwager und Neffen in Richtung Herzogswalde bis zu einem Punkt von dem aus wir den Mildensee sehen konnten. Wie oft bin ich als Junge diesen Weg gegangen zur Schülerbadeanstalt. Ob der Kruschkenbaum noch steht?

Unser Weg führte uns den Krugberg hinunter. Dort wohnten u.a. Zahnarzt Teschner, Dr. Matern (unser Arzt), Dr. Koslowski.  Den Treppenberg sind wir hinuntergegangen über die Liebebrücke. Erinnerungen kommen auf an das Eisschollenfahren auf diesem Abschnitt der Liebe.

Wie oft stand ich, wie auch andere meiner Spielkameraden, bis zum Hals im Wasser. An Ort und Stelle die Kleider ausgezogen, ausgewrungen, wieder angezogen und im Schweinsgalopp nach Hause.

Waren meine Mutter und meine Schwester Gertrud zur Arbeit in der Tuchfabrik Hinrichssegen, fand das Trocknen der Sachen an unserem Kachelofen statt. Schafskopp und 17+4 wurde gespielt.

Was mir von dieser Brücke aus auffiel und auch von der, die über die Bahnhofstrasse führt – die Ufer der Liebe waren sauber befestigt.

Die Post steht noch wie eh und je, dahinter eine Kaufhalle, in der wir oft und gut eingekauft haben. In der früheren Meierei wird nun Raps gepresst. Gegenüber der Post ein Flachbau mit Lebensmittelladen und Textilgeschäft.

Vom Mühlenteich war ich enttäuscht, denn ich hatte ihn mit mehr Wasser in Erinnerung. Auf dem Schornstein der Koy-Mühle ein Storchennest. Das einzige, das ich in Liebstadt entdecken konnte. Das lag wohl daran, dass das Rathaus und Werners Scheune nicht mehr waren. An keiner Stelle weit und breit gab es früher so viele Storchennester wie in Liebstadt an der Liebe, einem Nebenfluss der Passarge.

Wieder in der Unterstrasse oder auch Adolf-Hitler-Strasse – Strehl,  ein Kiosk, Wagner ein Kiosk, Luczyk, Thiel, Thams & Garffs, Mirbach, Boerk – eine Gaststätte, eine Boutique, drei Lebensmittelgeschäfte, eine Gaststätte. In der Mauerstrasse hinter diesen Häusern fanden wir einen Fleischerladen und einen Zahnarzt. Der Zugang zum Ratzeberg ist verbaut. Wir waren wieder auf dem Markt.

An der Ecke links wo einstmals Korth war, ein sehr schönes Haus. Der Marktplatz ein Parkplatz und dort wo die Häuser der Apotheke Rudzio, Bäcker Klein und Lehnert standen, findet man nun Verkaufsstände mit Obst, Gemüse und auch anderen Haushaltsartikeln.

Dort wo das Jugendheim war, die katholische Schule, in der ich 1939 eingeschult wurde, später dann zur Privatschule gehörend – hier hatte ich Unterricht von 1943 bis Januar 1945 – steht ein Backwarenbetrieb. Den kleinen Treppenberg bin ich hinunter, bis ich einen Blick auf die Mühle werfen konnte.

Dieser Treppenberg oder besser die Pflanzen an diesem, waren oft unsere Rettung, wenn wir die von Dr. Jakob zum Lebenskundeunterricht geforderten Pflanzen, vergessen hatten.

Meistens waren es Taubnesseln, die wir dann mitbrachten.

Dann stand ich am Mühlenberg. Erinnerungen an den ostpreußischen Winter, den garantiert reichlich gefallenen Schnee. Dieser Mühlenberg war der ideale Platz zum Rodeln. Schussfahrten, die vor der Mühle endeten, zuvor aber noch eine kleine Sprungschanze, die für manchen Schlitten das Ende bedeutete. Der Mühlenberg ist zugewachsen und damit ungeeignet für das Vergnügen dieser Art.

Die Privatschule, nun ein Wohnhaus, erscheint mir sehr klein und doch hat man hier Schüler unterrichtet. An alle Lehrer kann ich mich nicht mehr erinnern. Rohrmoser, der Direktor, Dr. Jakob, Frl. Bock, genannt  ti-eitsch. Sie war bemüht uns die richtige Aussprache des berühmt-berüchtigten Lispellautes beizubringen. Und natürlich auch das rollende ostpreußische „R“ in ein englisches umzuwandeln.

Die Lindenstrasse ist nur an dem Pflaster zu erkennen. Auf der Stelle stehend, wo einmal das Haus Nr. 7 war, kam mir der Gedanke, ob wohl alles das, was wir am 22. Januar 1945 an Gegenständen im Keller verstaut hatten, dort noch unter der Erde lag.

Unser Besuch galt auch dem Mildensee. Schon bei der Anreise war mir aufgefallen, dass der Kanal vom See bis zum Wasserwerk fehle. Tatsächlich wurde er zugeschüttet. Wenn die Weiden im Saft standen, saßen wir Brolche am Rand und fertigten Pfeifen. Viele Ruten wurden hier von den Korbmachern geschnitten. Im Winter war er zugefroren und dann begann schon an der Haustüre die Fahrt auf Schlittschuhen über diesen Kanal zum Mildensee.

Durch das Tor hinter dem Sportplatz betraten wir das Gelände der Badeanstalt. Noch 1999 bot diese einen guten Anblick. Nun wollte ich meinen Augen nicht trauen – um die Rezeption Tische, Bänke Stühle in einem verwahrlosten Zustand gestapelt. Aus den Stegen um das Badebecken herum die Bretter abgerissen, zerbrochen etc. Kein schöner Anblick und das am 17. Mai, da doch um diese Zeit gewöhnlich die Badesaison beginnt.

Von Liebstadt aus sind wir noch nach Nikolaiken gefahren. Wir waren in Kruttinen, in Heiligelinde, in Kahlberg, auf der Marienburg. Wir sind auch auf der Strasse von Pr. Holland nach Liebstadt gefahren, der Strecke auf der wir in Gegenrichtung am 24. Januar 1945 mit Militärfahrzeugen bis Elbing kamen.

Was mich und besonders meinen Schwager interessierte – der Geburtsort meiner Schwester Cila, seiner Frau – Näglak. Wir sind vorbeigefahren und befanden uns in Waltersdorf. Ich dachte schon, dass Näglak nicht mehr existiere. Doch langsamfahrend entdeckten wir einen Weg und der führte uns nach wenigen Metern zu einer Stelle, die nichts mehr mit dem Ort, den ich gekannt hatte, gemein hatte. Ich kann ihn und will ihn auch nicht beschreiben. Eine alte Frau, die aus der Ukraine stammte und ihre Enkelin, die in Allenstein das Gymnasium besucht. Sie sprach ein wenig englisch und so kam es dann auch zu einer kurzen Unterhaltung.

Einen Kindertraum habe ich mir erfüllt. Von Buchwalde über die 5 Rollberge, über die geneigten Ebenen nach Elbing.

Die negativen Eindrücke von der Badeanstalt und dem Ort Näglak sind nicht bezeichnend für das Land in dem ich geboren wurde. Solche und ähnliche findet man überall, auch in Deutschland. Im Gegenteil. Überall wo uns die Reise hinführte, konnten wir uns davon überzeugen, dass sehr viel getan wurde und noch getan wird.

Am 26. Mai verließ ich mit meiner Begleitung  Liebstadt. Mit ein wenig Wehmut und auch der Frage: Werde ich je wieder herkommen?

 

Horst Henf

Edderitzer Strasse 26

06366 Köthen

früher: Lindenstrasse 7

            Liebstadt in Ostpreußen

 

Marggrabowa

 

 

Ich möchte euch da eine kleine Geschichte erzählen, die sich in Treuburg zugetragen hat.

 

Was ihr wisst nicht wo Treuburg liegt ? Na, das liegt doch in Ostpreußen und nun sagt mir nicht, dass ihr noch nichts von Ostpreußen gehört habt. Dieses kleine Städtchen liegt ganz im Osten des ehemaligen Ostpreußens, nicht weit entfernt von der Masurischen Seenplatte. Dieses Treuburg hieß früher Marggrabowa. Nach der Gründung des polnischen Staates nach dem 1. Weltkrieg entschieden sich hier die Bürger einstimmig, also zu 100 % für den Verbleib bei Preußen. Marggrabowa erhielt deshalb den Namen Treuburg und man errichtete hier das sogenannte Treuedenkmal, das auch heute noch existiert. Die Stadt trägt aber nun den Namen Olecko.

 

Aber nicht nur deshalb war Treuburg berühmt. Es hatte zur damaligen Zeit den größten Marktplatz in ganz Europa. Glaubt ihr nicht ?  Braucht ihr nicht, aber es war so. Und eben auf diesem Marktplatz da spielt sich auch mein Geschichtchen ab.

Nu war das so üblich, dass bei uns in Ostpreußen die Bauern aus der ganzen Umgebung wenigstens einmal in der Woche in die Stadt fuhren. Sie kamen denn mit ihren Pferdewagen. Meist vierspännig und es war eine Freude, besonders für die Kinder, wenn denn die Knechte, die auf dem Sattelpferd saßen, mit den langen Peitschen knallten. Auf dem Marktplatz kamen nun alle zusammen. Es wurde gehandelt und gefeilscht. Man brauchte auch dieses und jenes an verschiedenen Gegenständen. Aber man stand auch auf dem Markt rum, denn es gab auch viel zu schabbern.

 

Nun hatten die Bauern auch ihre Frauen und auch die Mägde mitgebracht und auch die hatten so manches auf dem Herzen.

Nun konnte ja passieren, dass den Männern so ein menschliches Bedürfnis ankam. Was machten die dann – sie stellten sich so einfach ans nächste Wagenrad und die Sache war erledigt. Was aber machten die Frauen ?  Die wussten sich natürlich zu helfen. Die nahmen so’ne Pferdedeck. Zwei Frauen fassten an die Ecken an, hielten sie hoch und dahinter konnte nun das Geschäft verrichtet werden.

 

Natürlich hatte Treuburg auch einen Gendarm. Ein im Dienst ergrauter Polizist, der nun bald in Pension gehen wollte. Der war mit allem vertraut, was sich da so alles abspielte und wusste auch, was sich hinter so einer Pferdedecke verbarg. Dem hatten sie nun einen Nachfolger zugeteilt, einen jungen strammen Kerl, hochgewachsen, wie es sich für einen richtigen Ostpreußen gehört. Aber der Lorbaß  kam nicht vom Lande, sondern er kam aus Königsberg und alles was sich so auf dem Lande oder in so einer Kleinstadt abspielte war ihm neu und fremd. Der stolzierte nun auf dem Markt rum und sah dann auch so eine, von zwei Frauen hochgehaltene Decke.  Er war groß und brauchte sich nicht auf die Zehenspitzen stellen. Was sah er da ? Da hockte doch eine Frau und pischte auf den Platz.

„Was soll das ?“ polterte er los. „Sich so einfach hier hinhocken und seine Notdurft verrichten ? Da muss ich eine Ordnungsstrafe verhängen.“  Eine von den nun älteren Frauen mischte sich ein.

„Aber Herr Wachmeester, was soll denn das. Sehen Sie mal. Die Kerle haben es einfachrer. Die pischen so einfach an nächste Wagenrad und kein Mensch sagt was. Nun drücken Sie mal beide Augen zu.“ Der junge Polizist gab sich einen Ruck und sagte: „Nun gut, ich will mal nicht so sein. Aber ich will so was nicht wieder sehen. Er drehte sich um und stolzierte davon. Keine fünf Schritte war er gegangen, da ertönte hinter der Decke ein unverkennbares Geräusch. Nein, das war nicht bloß so ein kleines Fiestche, das war ein richtig kräftiger Furz. Den Gendarm riss es zusammen und er erstarrte wie Lots Weib, als sie aus Sodom floh, zu einer Salzsäule. Ganz langsam drehte er sich herum und kam zurück.  „Aber das ist doch nun die Höhe. Das kann ich nicht dulden. Das muss bestraft werden.“

„Erbarmung, Herr Wachmeeasta,“ mischte sich wieder die Frau von vorhin ein, „ Sie verstehen nu aber garnuscht nich.  Sehen se doch mal. Die Kerle können ihren letzten Troppen abschütteln, wir Weiber aber, wir müssen ihn wegpusten.“

 


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