Ich, die weibliche wurde im Sommer des Jahres 1935 in einem kleinen Dorf im Kreis Mies geboren.

Die Kreisstadt Mies heißt heute Střibro. Das kleine Dorf trug damals den Namen Döllitschen und nennt sich heute Telice. Damals war dieses alles gelegen im Sudetenland und heute in der Tschechischen Republik. Meine Kindheit verbrachte ich in Prostibor (Prostiboř) bis zum August 1946. Mit meinen Eltern gehörte ich zu den Vertriebenen, die ihre Heimat verlassen mussten. Über verschiedene Stationen kam ich nach Köthen, einer Kreisstadt in Sachsen-Anhalt. In dieser wohne ich noch heute.

Wie verlief meine „Reise“?

 

Ich war 11 Jahre alt, als viele Familien aus Prostibor fortmussten und in Mies zu einem Transport zusammengestellt wurden. Mit Teddy und Puppe im Rucksack war ich bereit. Es war furchtbar aufregend. Noch nie war es vorgekommen, dass so viele gemeinsam verreist waren ‑ noch dazu auf Leiterwagen. Es war so lustig. Vater saß beim Spiller vom auf dem Traktor und spielte auf seiner Mundharmonika. Warum ihm dabei aber Tränen übers Gesicht liefen, konnte ich nicht verstehen. Sonst wenn er spielte, war er fröhlich. Überhaupt war alles anders. Mir gefiel das gemeinsame Lagerleben, das mit dem Zug fahren, das Kochen im Lager und das Eichel‑Braten, dann kam der Hunger, wir wurden auseinandergerissen, jeder war woanders. Wir hatten kein richtiges Dach über dem Kopf Da bekam ich Heimweh und begriff, dass diese Reise länger dauern wird. Vater hat noch nach Jahren auf seiner Mundharmonika das Lied vom Böhmerwald gespielt und es liefen dabei immer wieder Tränen über sein Gesicht. Doch da war es für mich kein Rätsel mehr.

Es war der 5. September 1946. Ja, wir fuhren zunächst nach Mies in unsere Kreisstadt. Am Bahnhof standen gedeckte Güterwagen bereit, die uns als weiteres Transportmittel von den Tschechen zur Verfügung gestellt wurden. Von Mies bis nach Marienbad ist die Entfernung nicht sehr groß und doch erreichten wir diesen Ort erst am 11. September. Von dort ging die Fahrt weiter nach Franzensbad.Die Fahrt bis zur deutschen Grenze Bad Brambach (12.09.) verlief ohne Zwischenfälle.

Dort auf dem Bahnhof trieb mich die Neugierde und ich steckte meine Nase durch die nur durch einen Spalt geöffnete Schiebetür des Waggons zu weit hinaus. Ich hatte nämlich einen Sowjetsoldaten erblickt. Nichts Gutes hatte man von den Rotarmisten gehört, was auch durch die später bekannten Übergriffe gegenüber der Bevölkerung in Ostpreußen, Westpreußen etc. bestätigt wurde. Dieser Soldat sah mich nun auch und es geschah etwas, was ich nicht erwartet hatte – er winkte mir zu. Ich winkte zurück. Dieses für mich positive Erlebnis war wohl das einzige auf dieser Reise. In Bad Brambach wurden die Weichen gestellt. Ausgerechnet unser Transport wurde in Richtung Sowjetische Besatzungszone abgefertigt. Ein vergebliches Jammern und Weinen aller. Die anderen Züge fuhren in Richtung Oberbayern, Chiemgau.

Unsere Fahrt ging weiter über Plauen nach Altenburg. Hier hatten wir Aufenthalt bis zum 14. September. Über Zeitz – Leipzig – Bitterfeld – Jeßnitz – Dessau – Roßlau kamen wir am 15. September 1946 an unserem vorläufigen Ziel an - in Coswig in Anhalt. Dort wurden wir zunächst in einem Lager untergebracht und nach geraumer Zeit nach Köthen weitergeleitet. Hier lebe ich noch heute.

 


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